Der besondere Moment


Alle wollen sie, manche haben sie bereits erlebt, aber nur wenige können sagen, was sie eigentlich ausmacht – die besonderen Momente.

Ich habe kurz vor meiner Abreise zu unserer großen Reise Besuch von einer Freundin aus München bekommen. (Liebe Grüße an der Stelle an dich, liebe Julia!) Wir sehen uns nicht oft, wollten aber unbedingt nochmal Zeit miteinander verbringen und haben uns daher ein gemütliches Wochenende in Berlin gemacht. Als Abschiedsgeschenk hatte sie eine tolle Idee, die mir ganz besonders gut gefallen hat. Eine Einwegkamera, die sie selbst als Momente-Sammler bezeichnet hat und mir mit den Worten übergab, dass ich damit “die ganz besonderen Momente festhaltenund später als entwickeltes Foto in den Händen halten kann”.

Doch was als gut gemeintes Geschenk, als kreative Idee und liebevolle Aufmerksamkeit in mein Leben trat, entwickelte sich kurz nach unserer Abreise bereits zu einer immer größer werdenden Herausforderung und ständigem beklemmenden Begleiter.

Die erste Gelegenheit für ein Foto wäre ganz eindeutig unsere Verabschiedung am ZOB in Berlin gewesen. Felix Familie und zwei Freundinnen waren extra gekommen, um uns zum Bus zu begleiten und ein letztes Mal lebewohl zu sagen. Natürlich kam es, wie es kommen sollte und ich habe vor lauter Aufregung vergessen ein Foto mit besagter Kamera zu schießen. Auch heute, eine Woche später, ärgert mich das, was sicherlich nicht Sinn und Zweck des Geschenks war. Nun lege ich all meine Hoffnungen in die alte Weisheit “Zeit heilt alle Wunden.”

Also Kopf hoch und weitermachen! Es werden sich sicherlich im Laufe der Reise ganz viele besondere Momente ergeben und der Film wird eh viel schneller voll sein, als mir lieb ist! Waren meine nächsten tröstenden Gedanken. Doch auch mit dieser Ansicht sollte ich noch eines besseren belehrt werden. Wir reisten durch Polen, besuchten Wroclaw und Krakau, machten einen Tagesausflug in den Ojcow Nationalpark und sind nun seit zwei Tagen in Bratislava und nun ja, was soll ich sagen… Diesen ganz besonderen Moment, den hab ich erhlich gesagt einfach noch nicht erlebt auf dieser Reise. Zuerst machte mir das Sorgen. Sehr große Sorgen! Mache ich etwas falsch? War es eine gute Idee auf diese Reise zu gehen? Sind ich und mein Freund überhaupt als Paar für eine solche Erfahrung gemacht? Woran liegt es, dass ich verdammt nochmal nicht am laufenden Band besondere Momente erlebe, in denen mir mein Herz bis zum Hals schlägt, mir die Knie ganz weich werden und ich vor lauter Emotionen anfange zu weinen?

Leicht frustiert und enttäuscht, wollte ich vorhin meine Kamera zurück in den Rucksack packen. Vielleicht sollte ich kurz erwähnen, dass ich sie in heller Vorfreude bereits aufgezogen und startklar gemacht hatte, denn als ich sie aus dem Regal nehmen wollte, habe ich aus versehen den Auslöser gedrückt und auch noch ausgerechnet das erste Foto total verknipst. Tja, das war er also – mein erster besonderer Moment. Und ja, das war er wirklich! Denn in genau diesem Moment habe ich begriffen, dass ich die ganze Zeit selbst dafür verantwortlich bin, dass alles Glück, was mir tagtäglich auf der Reise begegnet sich nicht in besondere Momente verwandeln darf. Ich selbst habe mit meiner Suche nach den großen Gefühlen die kleinen ganz außer Acht gelassen. Und ich selbst, habe ganz und gar vergessen, dass das Glück nicht laut ist, sondern sich in den leisen Tönen zu verstehen gibt, zwischen den Zeilen steht.

Ich muss lachen. Da ist es, das Glück! Da ist er, mein erster besonderer Moment. Irgendwo zwischen Regal und Wäscheständer.