Als ich Gott in Polen traf


Vier Tage bin ich nun in Polen, zwei Städte habe ich besucht und unzählige Kirchen. Manche waren schlicht und düster, andere erstrahlten im Gold und protzten vor Prunk. Ich mag Kirchen. Nicht weil ich etwa die Ideen und Aussagen der Institution Kirche unterstützen würde, sondern weil sie Orte der Spiritualität und der Menschen sind. Vor Gott sind wir alle gleich und so finden sich in der Kirche Menschen mit verschiedensten Geschichten ein. Im Angesicht der monumentalen Bauwerke darf sich jeder klein fühlen. Seine eigenen Probleme vergessen, wenn er Jesus dort am Kreuze sieht. Hier darf jeder hoffen, auf die eigene Wiederauferstehung und darauf, doch nicht vergessen worden zu sein. Diese Hoffnung, den Glauben, das ist es was eine Kirche lebendig werden lässt, sie über all die Jahre am Leben hält.

Und eine Kirche hat ein wahrhaft langes Leben, wenn sie nicht gerade im Krieg zerstört wurde oder abgebrannt ist. Sieht man sich dann im Inneren dieser Kirchen um, so sind all die kleinen Nischen und Altare, alle Bilder und Schreine, immer auch ein Zeugnis der Gesellschaft und der vorherrschenden Kultur, dem Zeitgeist. Woran glauben die Menschen? Wie glauben sie? Was erlauben sie sich, was gilt als Gut und was als Schlecht. Woran sich jeder Einzelne am Ende hält und welchen Geboten er folgt, steht allerdings nochmal auf einem ganz anderen Blatt Papier.

In Kirchen beginnen meine Gedanken zu kreisen. Nicht so nervig und anstrengend wie sie es tun, wenn ich am Abend zu Bett gehe, sondern eher beflügelnd, so wie ich es mir wünschen würde, wenn ich vor einem leeren Blatt Papier sitze. Und so sitze ich hier in Krakau in der Fronleichnam Basilika, in der letzten Reihe rechts am Gang und blicke auf den beeindruckenden über und über Gold verzierten Altar und lasse meine Gedanken durch das weite Kirchenschiff streifen. Hier in diesem geschlossenen Raum kann ich mir sicher sein, dass sie immer wieder zu mir zurück kehren. Genährt mit neuen Impulsen und bereit mit nach Hause genommen zu werden. Doch heute ist es anders. Heute verlieren sich meine Gedanken im Raum, werden von den Menschen hinfort getragen und kommen nicht zurück. Es ist unruhig an diesem Samstag Vormittag und ich frage mich, was wohl gleich passieren wird. Gespannt bleibe ich sitzen und beobachte die Szenerie. Immer mehr Menschen versammeln sich zwischen und auf den Bänken. Alte Menschen, junge Menschen, Männer und Frauen. Eine Nonne und ein Mönch sind ebenfalls im Publikum. Jeder scheint damit beschäftigt, sich auf den bevorstehenden Gottesdienst vorzubereiten. Rosenkränze, Kreuzigungen, Lippenbekenntnisse und Kniefälle stehen dabei hoch im Kurs.

Auch ich bin gespannt. Ich habe schon viele Gottesdienste der verschiedensten Religionen miterleben dürfen und freue mich nun auf die polnische, katholische Messe. Aber kann ich überhaupt mithalten, ohne die Regeln zu kennen? Wann muss ich aufstehen? Welche Lieder werden gesungen? Halt mal, ich werde ja kein einziges Wort verstehen! Wie lange geht so ein Gottesdienst überhaupt? Angst und Unsicherheiten machen sich breit. Ich will nicht stören, schon gar nicht mitten in der Veranstaltung aufstehen und den Raum verlassen. Wie unhöflich!

So entscheide ich mich, kurz vor Beginn des Gottesdienstes, gerade als der Pfarrer die Kerzen anzündet die Kirche zu verlassen. Schade, denke ich mir noch so, aber es wird wohl das Beste sein.

Doch draußen vor der Kirche angekommen, bin ich schon wieder gar nicht mehr so sicher. Should I stay or should I go? Ich entscheide mich für Stay. Also genau hier. Und so bleibe ich direkt vor dem Eingang der Kirche stehen und blicke den Kirchturm entlang nach oben und lass meine Gedanken mit meinem Blick gen Himmel ziehen. Ich atme den Moment ein und wieder aus und fühle mich mir selbst, meinem Glauben und dem was ich für Gott halte ganz nah. Eine Zufriedenheit durchfährt meinen Körper und ich frage mich, warum eigentlich? Will Gott mir sagen, gut dass du gegangen bist? Ich lasse meinen Blick wieder zurück in unsere Sphären sinken und beschließe gerade zu gehen, da beginnen die Glocken zu läuten und eine alte Frau kommt um die Ecke gelaufen, mit dem Ziel die Kirche zu besuchen. Sie kommt mir entgegen und blickt mir ins Gesicht, auf den Lippen ein Lächeln und in den Augen die Frage, ob ich ihr Folgen möchte. Ich will. Ohne eine Sekunde weiter darüber nachzudenken, gehe ich ihr hinterher und setze mich in der ersten Reihe auf die Bank neben meine Begleiterin. Wir sind still.

Der Gottesdienst hat in diesem Moment begonnen und wie ich bereits erwartet hatte, kann ich kein einziges Wort verstehen. Alle anderen scheinen aber nicht mal Worte zu brauchen, um zu wissen, was als nächstes folgt. Wie einstudiert, stehen alle geschlossen auf, setzen sich geschlossen wieder hin, sprechen die Gebete und vervollständigen die Sätze des Pfarrers. Eine Choreographie, die dich wissen lässt, wir sind eins. Und auch, wenn ich auf den ersten Blick nicht dazuzugehören scheine, so fühle ich mich doch tief verbunden. Und plötzlich spricht da doch jemand zu mir. Ganz leise erst, dann immer lauter. Ich höre zu.

Tränen steigen mir in die Augen und ich beginne zu verstehen. Ich lächle in voller Demut und Dankbarkeit und mein kleines Herz wird ganz warm. Ich spüre den Blick der alten Frau in meinem Gesicht und drehe mich zu ihr. Wir lächeln uns wissend an und schauen dann zurück auf den Altar, vor dem der Pfarrer seine Predigt hält. Ich lausche bis zum Ende, obwohl ich noch immer kein Wort verstehe und hab doch schon alles gehört.

Am Ende der Predigt, wie ich mich von meiner neuen Bekanntschaft verabschieden will, stelle ich fest, dass sie längst nicht mehr neben mir sitzt. Wie konnte mir entgangen sein, wie sie die Kirche verlassen hat? Ich hätte mich gerne bei ihr bedankt. Doch so verlasse nun auch ich meinen Sitzplatz und trete durch den Gang hindurch zur Tür und wieder hinaus auf die Straße. Das Sonnenlicht leuchtet nun so hell, dass es mich blendet und ich für einen Moment stehen bleiben und die Augen zusammen kneifen muss. Ich halte ein letztes Mal inne und begreife erst jetzt, wem ich da eben begegnet bin.